Tufan

Talente erzählen ihre Geschichte

„Stipendien kannte ich nur aus amerikanischen Filmen“

Morgens im Betrieb, danach Abendschule. Die Berufsausbildung war eine harte Zeit für Tufan. Doch der heute 26-jährige beißt sich durch. Vom Industriemechaniker zum Bachelor an einer Fachhochschule bis zum Masterstudium an einer Eliteuniversität – er möchte aufsteigen.

Fachabi an der Abendschule: schon während seiner Berufsausbildung will Tufan mehr

Das war eine harte Zeit. „Meine Ausbildung zum Industriemechaniker habe ich in Gelsenkirchen gemacht. Doch nach der Ausbildung nur eine Perspektive als Leiharbeiter im Betrieb zu bekommen, das war nichts für mich.“ Tufan entschied sich, sein Fachabitur an einer Abendschule in Mülheim nachzuholen. Zweimal pro Woche ging es auf den überfüllten Straßen im Ruhrgebiet zum Unterricht, der bis 21:00 Uhr dauerte. „Danach war ich platt und am nächsten Morgen musste ich natürlich im Betrieb pünktlich auf der Matte stehen.“ Zwei Jahre ging das so. Trotz der hohen Belastung engagiert sich Tufan als Jugend- und Auszubildendenvertreter. In enger Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat setzt er sich für die Belange der Auszubildenden ein.

Nach der Berufsausbildung zum Maschinenbaustudent an der Westfälischen Hochschule

Nach dem erfolgreichen Fachabitur denkt Tufan über ein Studium nach – ein Job in der Automobilbranche ist damals sein großer Traum. „Ich war unsicher. Ich hatte schon lange mein eigenes Geld verdient und war finanziell unabhängig. Mein Vater ist mit 15 Jahren aus der Türkei als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. In meiner Familie war ein Studium bisher nie Thema.“ Tufan wagt den Schritt. Bei der Einschreibung für das Maschinenbaustudium an der Westfälischen Hochschule kommt die dortige Talentförderung aktiv auf ihn zu. Mit einem Notenschnitt von 2,1 und seinem sozialen Engagement ist Tufan ein guter Kandidat für ein Stipendium.

In meiner Familie war ein Studium bisher nie Thema.

„Das war krass. Stipendien kannte ich nur aus amerikanischen Filmen.“ Sein Talentscout ermutigt ihn und zieht die Bewerbung mit ihm gemeinsam durch. Tufan wird zu einem Auswahlgespräch der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit eingeladen. „Schon allein die Einladung war für mich wie ein Ritterschlag. Vor dem Gespräch war ich etwas nervös. Rund 300 Schüler*innen und Studierende haben sich an dem Auswahlwochenende vorgestellt. Doch dann vergingen die 45 Minuten wie im Flug. Es war mir wichtig, aufrichtig zu sein und mich nicht zu verstellen. Ich habe das Gefühl, das kam bei dem Komitee gut an.“ Das Stipendium bietet Tufan neben der finanziellen Sicherheit ein breites Netzwerk. „Allein beim Auftaktwochenende hab ich so viele Menschen kennengelernt. In Workshops und auf Veranstaltungen sehen wir uns immer mal wieder. Das Verhältnis war mit einigen schnell wie mit alten Kollegen.“ Sein Bild von Stipendiaten, die „piekfein und spießig“ aufträten, hat sich schnell revidiert. „Da sind wirklich coole Leute dabei.“ Der Kontakt zur Talentförderung der Westfälischen Hochschule bleibt parallel intensiv: „Ich hab viel mentale Unterstützung durch meinen Talentscout erfahren. Und auch in Sachen Bewerbungen stand man mir zur Seite. Für mich ist das ein Geben und Nehmen.“ Denn Tufan bringt sich gerne ein. Ehrenamtlich unterstützt er das Team der Talentförderung als Campuslotse und begleitet Schüler*innen, die sich für ein Studium in seinem Fachbereich interessieren, an die Uni. Er geht mit ihnen in Vorlesungen und beantwortet alle Fragen rund um Einschreibung, Studienverlauf und mehr.

Weiter geht’s in Richtung Exzellenz

Das NRW-Talentscouting und Tufan bleiben sich auch nach dem Hochschulwechsel treu. Nach einem Praktikum bei einem großen Automobilhersteller in Stuttgart und der erfolgreichen Abfassung der Bachelorarbeit im Unternehmen, entscheidet sich Tufan für ein Masterstudium in Maschinenbau an der Exzellenzuniversität RWTH in Aachen. „Das Studium an der Westfälischen Hochschule war sehr praxisorientiert. Das hat mich super vorbereitet.“ Dennoch ist der Schritt in die neue Umgebung auch eine Herausforderung: Umzug, Nachholklausuren aus dem Bachelor und hohe Leistungsansprüche: „Das war wirklich anspruchsvoll.“ Heute, kurz vor seinem Master-Abschluss, ist Tufan froh, den Schritt an die Exzellenzuni gewagt zu haben. Seine Erfahrungen mit anderen zu teilen, die vielleicht noch daran zweifeln, ob sie einen Hochschulwechsel meistern können, war Tufan wichtig. In Aachen engagiert er sich daher beim TalenteNetzwerkTreffen. Im Format „Ich bin Studi - ask me anything!“ der Talentscouts der RWTH Aachen beantwortete er Fragen interessierter Talente, um anderen Talenten ihren Weg zu erleichtern.

Masterarbeit unter erschwerten Bedingungen

Für seine Masterarbeit hat Tufan eine Stelle in einem großen Stahlunternehmen in Duisburg gefunden. „In meinem Bachelor-Studium lief die Kooperation von Betrieb und Hochschule für meine Abschlussarbeit ganz unkompliziert. Da war es normal, dass die Studierenden in einem Betrieb ihre Arbeiten verfassten.“ Nun steht er vor der Herausforderung, den Ansprüchen der Universität und seines Unternehmens zu erfüllen, was jetzt durch die Pandemie-Einschränkungen noch zusätzlich erschwert wird. „Einige Kolleg*innen sind im Homeoffice oder in Kurzarbeit. Da ist es nicht einfach, sich abzustimmen und ein Thema auszuloten“, erzählt Tufan. Doch er bleibt optimistisch. „Ich freue mich auf den Berufseinstieg und hoffe, dass ich im Anschluss an meine Masterarbeit im Unternehmen bleiben kann.“ 

 

Stand Juli 2020