Thomas

Talente erzählen ihre Geschichte

„Das erste Mal Talentscouting war ein Schlüsselerlebnis für mich“

„Meine sprachlichen Fähigkeiten habe ich nie als besonders gut wahrgenommen, das war in meinem Denken fest verankert.“ Dass Thomas trotzdem mit einem Stipendium im Gepäck Germanistik und Geschichte auf Lehramt studiert, ist für ihn das Ergebnis eines langen Prozesses. Der 29-Jährige studiert im vierten Semester an der Universität Duisburg-Essen. Lehrer zu werden, konnte er sich früher nie vorstellen. Und doch ist es genau das, was er heute machen möchte. Bei dieser Entscheidung hat ihn sein Talentscout begleitet.

Der Beste seines Jahrgangs

Thomas‘ Bildungsweg ist alles andere als geradlinig. Seine Eltern kommen aus Griechenland, er selbst ist in Deutschland geboren und im Odenwald in Hessen aufgewachsen, wo er auch zur Grundschule ging. Er bekam eine Hauptschulempfehlung, was er als ungerecht empfand. Thomas lernte schnell Deutsch, nur der hessische Dialekt war für ihn schwer verständlich. Oft fühlte er sich von seinen Mitschüler*innen nicht akzeptiert. „Die Hauptschulempfehlung hat mich demotiviert“, erzählt er. „Meine Eltern unterstützten mich, kannten sich aber mit dem Bildungssystem in Deutschland nicht aus und hatten Schwierigkeiten mit der Sprache.“ Sein Vater ist in der Industrie tätig, seine Mutter arbeitet in unterschiedlichen Jobs, z. B. als Bäckereifachverkäuferin und Reinigungskraft. Zur Berufsorientierung kamen die ortsansässigen Unternehmen in die Schule. Das Angebot an Berufsausbildungen war begrenzt. „Ich wollte etwas mit Grafik machen, aber meine Bewerbungen als Mediengestalter wurden wegen des fehlenden Fachabiturs nicht akzeptiert.“ Thomas machte seinen Hauptschulabschluss als Bester seines Jahrgangs. Er hatte einen Schnitt von 1,3 konnte sich aber nicht darüber freuen, da er nur Chancen für Laufbahnen sah, die ihm nicht liegen. Er entschied sich für eine Ausbildung zum Verfahrensmechaniker, die ihm keinen Spaß machte. „Ich dachte früher: Sei froh, wenn Du überhaupt einen Ausbildungsplatz bekommst.“

Abstand gewinnen

Thomas schloss auch die Berufsausbildung mit einer sehr guten Note ab und arbeitete eineinhalb Jahre in seinem Ausbildungsbetrieb. Er hatte Schichtdienst, eine Sieben-Tage-Woche und wenig Urlaub, sodass er seine sozialen Kontakte kaum aufrechterhalten konnte. Die Arbeit in der Industrie belastete den damals 18-Jährigen so sehr, dass er kündigte. Er wollte sein Fachabitur in Maschinenbau an seiner ehemaligen Berufsschule machen. Mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung dauerte das nur ein Jahr. „Ich wusste, dass ich in dieser Fachrichtung nicht arbeiten möchte, aber es erschien mir damals als der einzige Ausweg. Ich wollte keine Zeit verlieren. Dabei verliert man noch mehr Zeit, wenn man das Falsche macht.“ Thomas hatte auch im Fachabitur super Noten, nur nicht in Mathe und bekam deshalb keinen Abschluss. „Das war mein absoluter Tiefpunkt. Die Diskrepanz zu meiner damaligen Mathelehrerin schien unüberwindbar und wirkte sich negativ sowohl auf meine Leistungen als auch auf meine allgemeine Einstellung zum Schulsystem aus“, erinnert er sich. Als er dann zum Militärdienst in Griechenland eingezogen wurde, nahm er diese Gelegenheit wahr, um Abstand zu gewinnen.

Die zweite Berufsausbildung

Im Anschluss zog Thomas zurück zu seinen Eltern und arbeitete wieder in seinem alten Job. Er bekam eine Zusage für eine Berufsausbildung als Baustoffprüfer bei der Stadt Darmstadt, für die er sich beworben hatte. Aus Angst, weiter in der Industrie arbeiten zu müssen, nahm er an. „Ich wusste, dass es wieder etwas ist, was ich nicht machen möchte. Aber erneut das Fachabitur zu versuchen, traute ich mir einfach nicht zu.“ Seine zweite Ausbildung schloss Thomas aufgrund seiner Vorkenntnisse und guten Leistungen nach eineinhalb Jahren ab. Eine Lehrerin seiner Berufsschule riet ihm, das Abitur nachzuholen und bekräftigte ihn darin, dass er es schaffen kann.

„Ich hatte das Gefühl, dass ich zum ersten Mal als Person mit Potenzial gesehen wurde“

Thomas fasste wieder Mut und beschloss, auf dem zweiten Bildungsweg sein Abitur zu machen. Er zog nach Essen und ging auf das Ottilie-Schoenewald-Weiterbildungskolleg in Bochum. Um sich zu finanzieren, hatte Thomas zwei Jobs. Nebenbei engagierte er sich ehrenamtlich und gründete einen griechischen Kulturverein. Auf dem Weiterbildungskolleg lernte er auch Talentscout Judith Quester von der Hochschule Bochum kennen. „Obwohl der Neuanfang in Bochum nicht leicht war, ist sämtlicher Ballast von mir abgefallen. Im NRW-Talentscouting fühlte ich mich ernst genommen. Endlich hatte ich jemanden, der mir zuhörte und dem ich mich öffnen konnte. Ich hatte das Gefühl, dass ich zum ersten Mal als Person mit Potenzial gesehen wurde“, erinnert sich Thomas, „Das war ein Schlüsselerlebnis für mich.“ Im Talentscouting fand Thomas heraus, was er nach dem Abitur machen möchte. Neben Grafikdesign interessierte er sich für das duale Studium der Rechtswissenschaften „Bachelor of Laws“ und für den Lehrerberuf. Er bekam eine Zusage für das duale Studium, entschied sich aber doch für ein Lehramtsstudium an der Universität Duisburg-Essen. „Ich hatte mittlerweile geheiratet, dual zu studieren wäre inhaltlich und finanziell interessant gewesen. Aber das Bauchgefühl stimmte nicht.“ Thomas möchte Lehrer werden und junge Menschen unterstützen, sich bestmöglich zu entwickeln. Die Finanzierung des Studiums bereitete ihm erst Sorge, aber auch das konnte er im Talentscouting besprechen.

„Ich dachte immer, ein Stipendium sei etwas Elitäres“

Sein Talentscout Judith schlug ihm vor, sich für ein Stipendium zu bewerben, gleichzeitig schlug ihn auch seine Schule für ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes vor. „Ich dachte immer, ein Stipendium sei etwas Elitäres und nicht für mich. Das Talentscouting hat mir bewusst gemacht, dass auch ich dafür infrage komme. Als die Zusage kam, brauchte ich eine Woche, um das zu realisieren.“ Das Stipendium gibt Thomas neben einer finanziellen Sicherheit viel Input. „Durch das ideelle Förderprogramm nehme ich mich jetzt ganz anders wahr. Ich werde zusätzlich gefördert und gefordert und kann mich dadurch weiterentwickeln. Das ist ein großer Gewinn.“